Erste Ergebnisse Ihrer Igel-Meldungen 2015

Seit dem Frühjahr 2015 versuchen wir gemeinsam mit Ihnen zu erforschen, wie es dem Igel in Bayern geht. Manches werden wir erst herausfinden, wenn wir Ihre Daten über mehrere Jahre vergleichen können. Melden Sie uns also bitte weiterhin jeden Igel, den Sie sehen, per Meldeformular oder App! Schon die erste Zählung im vergangenen Jahr, die Sie dank Ihrer tollen Beteiligung zu einem großen Erfolg gemacht haben, hat ein paar erstaunliche Erkenntnisse zutage gebracht:

Erwartungen weit übertroffen

Die Grafik veranschaulicht, in welchem Zeitraum besonders viele Igel lebendig oder tot gesichtet wurden. © LBV

Die Grafik veranschaulicht, in welchem Zeitraum besonders viele Igel lebendig oder tot gesichtet wurden. © LBV

Mehr als 20.000 Meldungen mit rund 28.500 gesichteten Tieren haben uns im Jahr 2015 erreicht. Von den entdeckten Igeln waren rund 70 Prozent am Leben. Besonders viele davon wurden uns im Mai, Juli und Anfang Oktober gemeldet. Erstaunlich viele Igel wurden auch in der ersten Novemberhälfte gesehen – aufgrund der warmen Temperaturen waren noch viele draußen unterwegs, um sich den nötigen Speck für den Winterschlaf anzufressen.

Doch wo die Igel unterwegs waren, das war eine Überraschung:

Die Bilanz von Igel-Expertin Martina Gehret zum Nachhören

und zum Nachschauen:

Ist der Igel ein Stadtbewohner geworden?

„Es fällt auf, dass kaum Igel weiter entfernt als 250 Meter vom nächsten Siedlungsbereich gemeldet wurden“, berichtet Martina Gehret, die Igel-Expertin vom Landesbund für Vogelschutz LBV. „Zwischen den Städten wurden wenige bis gar keine gemeldet.“ Die meisten Tiere wurden auf versiegelten, bebauten Flächen entdeckt, nur wenige auf Äckern, in Wäldern, Wiesen, Gehölzen und Hecken.

„Wahrscheinlich hat sich der Kulturfolger Igel weitgehend aus der Feldflur und dem Waldrand zurückgezogen und nutzt hauptsächlich unsere Gärten als Lebensraum.“
Martina Gehret

Verkehrsopfer Igel

Je roter und heller der Punkt, umso mehr Igel wurden an diesem Ort in Bayern überfahren. © LBV

Je roter und heller der Punkt, umso mehr Igel wurden an diesem Ort in Bayern überfahren. © LBV

Die Mehrzahl der erfassten toten Tiere wurde überfahren. Mitte Juni wurden die meisten toten Tiere gesichtet: In der Paarungszeit legen Igelmännchen auf der Suche nach einem Weibchen mehrere Kilometer zurück und queren dabei auch viele Straßen. Auch im September und Anfang Oktober wurden viele Igel tot aufgefunden. Zu der Zeit sind mit den Jungtieren insgesamt einfach mehr Igel unterwegs. Die meisten überfahrenen Tiere wurden in der Nähe von Siedlungsbereichen gemeldet, vor allem im Großraum München, Nürnberg und Augsburg. Auch entlang der Bundesstraßen, der B2 oder der B85 zum Beispiel, wurden viele überfahrene Igel gesichtet.

 

LBV sucht Berufspendler

LBV sucht Berufspendler

Fahren Sie regelmäßig längere Strecken auf einer Bundes- oder Landstraße? Dann melden Sie sich!

Für das Projekt waren 2015 auch 50 sogenannte Berufspendler unterwegs, die immer dieselbe Strecke beobachteten. Hier haben sich zum Beispiel auch die Schauspielerin Anna Maria Sturm und der Wissenschaftler Josef H. Reichholf beteiligt. Er sammelt bereits seit 40 Jahren auf der Strecke München – Bad Füssing Daten über Igel. Durch den Vergleich von Jahrzehnten konnte er bereits nachweisen, dass die Igelpopulation entlang seiner Stammstrecke um 40 Prozent zurückgegangen ist. Wollen auch Sie als Berufspendler einen besonderen Beitrag zu unserem Forschungprojekt leisten? Dann melden Sie sich bei uns!

Igel ist kein Berg- und Regenfreund

Zum ersten Mal wurde auch betrachtet, wie hoch der Igel-Fundort gelegen ist. Die meisten Igel wurden in rund 400 bis 600 Metern über dem Meeresspiegel gefunden. Dieses Ergebnis war zu erwarten, da weite Räume in Bayern in diesen Höhenbereich fallen. Die meisten Igel wurden in Gebieten gefunden, in denen der mittlere Jahresniederschlag zwischen 600 und 1.000 Millimeter beträgt. Nur die höheren Lagen der östlichen Mittelgebirge und in den Alpen haben einen Jahresniederschlag deutlich über 1.000 Millimeter. Vermutlich sind hochgelegene, feuchte Regionen klimatisch eher ungeeignet für den Igel.


Vorstellung des Projekts in Faszination Wissen

Igel leidet unter zuviel Tierliebe

Das Igel-in-Bayern-Projekt zeigt auch, dass der Igel von Menschen, die ihm eigentlich helfen wollen, oft falsch behandelt wird.

„Durch seine Beliebtheit und seine scheinbare Unbeholfenheit wird er allzu oft Opfer falsch verstandener Tierliebe.“
Martina Gehret

Vor allem zur Herbstzeit werden Igel oft unnötigerweise eingesammelt und im Keller überwintert, obwohl er in der freien Natur besser aufgehoben wäre. Tipps zum richtigen Umgang mit Igeln finden Sie hier.

Schutzmaßnahmen für den Igel

Martina Gehret, Igelexpertin des LBV ©LBV

Martina Gehret, Igelexpertin des LBV ©LBV

Zurzeit wertet der LBV die Daten weiter aus. Wildbiologen der Hochschule Rottenburg gleichen alle Meldedaten unter der Fragestellung „Wo werden Igel gefunden?“ mit den bayerischen Landnutzungsdaten ab. Per Hochrechnung wird daraus noch ein Modell der Igelpopulationen in Bayern entstehen. „So werden wir übersichtlich darstellen können, wo in Bayern noch häufiger und wo nur noch selten Igel vorkommen“, erklärt Martina Gehret. Dies soll zusammen mit den anderen Daten dabei helfen, konkrete Schutzmaßnahmen für Igel zu entwickeln. Aus diesem Grund befassen sich auch gerade verschiedene Bachelorarbeiten mit dem Lebensraum des Igels. Schon jetzt hat sich der LBV das Ziel gesetzt, die Aufklärungs- und Bildungsarbeit rund um den Igel zu intensivieren.

Auch 2016 wieder Igel melden

Die Forschung geht weiter: Auch in diesem Jahr wollen wir wissen, wie es dem Igel geht. Wird sich bestätigen, dass der Igel vor allem in unseren Gärten lebt statt in freier Natur? Und wir wollen genauer hinsehen: Wie geht es ihm in diesem neuen Lebensraum? Deshalb: Melden Sie uns bitte wieder so engagiert jeden Igel, den Sie sehen!